Ein Appell gegen die Emotionslosigkeit

Immer wieder werde ich damit konfrontiert, dass sachliche Diskussion emotionslos zu erfolgen hat. Gefühle haben hier keinen Platz, bekomme ich gesagt. Die Fakten sprechen für sich, höre ich immer wieder, und „Wer schreit, ist im Unrecht“.

Selbstverständlich verliere ich nicht die Fassung, wenn ich mit Freund*innen scherzhaft darüber diskutiere, ob Ananas als Pizzabelag akzeptabel ist. Wenn es jedoch um ein Thema wie Diskriminierung geht, werden von Betroffenen empfundene Emotionen als Diskussionsunfähigkeit bewertet, werden kleinste Regungen emotionaler Betroffenheit dazu genutzt, die dargestellten Tatsachen zu diskreditieren, oder sogar als persönlichen Angriff zu verunglimpfen, um sich anschließend selbst in einer Opferrolle darzustellen. Die Forderung nach Emotionslosigkeit wird hier als ein Werkzeug der Täter-Opfer Umkehr genutzt. Echte Diskussion wird so im Keim erstickt.

„Höre nicht darauf, WIE ich etwas sage, sondern WAS ich sage!“

Die emotionale Arbeit, die ich leisten muss, um bei einem Thema das mich emotional aufwühlt Emotionslosigkeit zu simulieren kostet Kraft. Kraft, die ein Mensch, der um seine eigenen Rechte kämpft oft kaum noch aufbringen kann. Oft leite ich meine Energiereserven in diesen einen Satz, in der Hoffnung, dass er Anwendung findet. Und oft fallen meine Worte auf unfruchtbaren Boden. Unsere Gesellschaft gesteht Menschen eine der menschlichsten Eigenschaften nicht mehr zu: Emotionen zu empfinden und auch auszudrücken, nicht nur in Worten, sondern auch in Mimik oder Tonlage. Wir begrenzen die Reichweite unserer emotionalen Kommunikation auf Emojis, drücken damit unsere Wut, Trauer, Freude, Belustigung aus, verbannen sie aber aus unseren tatsächlichen Gesichtern und Stimmen. Und genau das ist problematisch.

Kurz nach dem rassistischen Anschlag in Hanau nahm ich für die Omas gegen Rechts an einer Podiumsdiskussion des SWR teil. Titel der Veranstaltung: Terror von Rechts: Rheinland-Pfalz wehrt sich. Neben mir ein Fußballtrainer mit Migrationshintergrund. Ebenfalls auf dem Podium saß ein Politiker der AfD. Ich möchte jetzt nicht einmal darauf eingehen, als wie fehl am Platz ich die Anwesenheit eines AfD Politikers bei einer Veranstaltung mit diesem Titel persönlich empfand, sondern auf die extreme emotionale Arbeit, die dieser Fußballtrainer an den Tag legen musste, und wie schnell es zu einer Täter-Opfer-Umkehr kam, als eine sich zu Wort meldende junge Frau mit Migrationshintergrund aufgrund ihrer persönlichen Betroffenheit eben nicht mehr in der Lage war, diese emotionale Arbeit zu erbringen, sondern ungefiltert sagte, was sie fühlte.

Der Kern ihrer Aussage war, dass sie es als Schlag ins Gesicht aller Opfer und ihrer Angehörigen empfand, dass ausgerechnet ein Politiker der Partei, welche als geistiger Brandstifter der Morde von Hanau nicht von der Hand zu weisen ist, zu dieser Veranstaltung eingeladen war. Von berechtigter Trauer und Wut, die man ihr ansehen und anhören konnte, aufgewühlt, nannte sie den AfD Politiker „Nazi“. Das nahm dieser dann zum Anlass, auf die Argumente der Dame gar nicht erst einzugehen, sondern sich in die Opferrolle zu begeben, und die junge Frau als alleinige Aggressorin hinzustellen, dies noch so auf die Spitze zu treiben, dass die Frau letztendlich tränenüberstömt die Veranstaltung verließ.

Der neben mir sitzende Fußballtrainer hingegen, der beachtliche emotionale Arbeit leistete, und selbst bei den unmöglichsten Aussagen des AfD Politikers Ruhe bewahrte, wurde letztendlich noch als Vorzeigemodell instrumentalisiert um zu belehren, welches Auftreten man von diskriminierten Minderheiten erwartet: Sei ruhig. Sei unauffällig. Sei diplomatisch. Und vielleicht, wenn du all die Diskriminierung mit Gelassenheit erträgst, wird deine Existenz geduldet.

Es wird Zeit, dass wir Emotionen wieder zulassen. Eine Frau ist nicht „hysterisch“, wenn sie emotionalisiert über persönliche Erfahrung mit Sexismus berichtet. PoC sind nicht „überempfindlich“, wenn sie ihrer Wut über rassistische Mikroaggressionen auf eine Weise Ausdruck verleihen, die dem Aggressor unangenehm ist.

Man kann auch schreiend im Recht sein. Und manchmal kommt man zu seinem Recht eben nur, wenn man laut und unangenehm eben dieses einfordert, anstatt immer wieder freundlich darum zu bitten. Denn mit Honig mag man zwar Fliegen fangen, aber ich esse den Honig lieber selbst, und habe keinerlei Verwendung für Fliegen.


Arm in einem reichen Land

Heute ist Tag der Armut. Armut auch bei uns? Ja, die gibt es. Und ich bin eines ihrer Gesichter.

Ich wohne in Baden-Württemberg, in einem der reichsten Bundesländer eines der reichsten Länder auf der Welt. Und doch bin ich von Armut betroffen, wie auch 15,6% weitere Menschen, die in Baden-Württemberg leben. Wer nicht selbst betroffen ist, kann sich oft nicht vorstellen, wie es sein kann, dass man bei uns unter Armut leiden kann, oder was Armut mit einem Menschen macht. Und deshalb schreibe ich heute etwas zu dem Thema, auch um gegen Vorurteile anzugehen.

Warum bin ich arm?
Ich bin nicht „sozial schwach“ oder „bildungsfern“. Ich ging aufs Gymnasium und habe eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung. Aber ich war alleinerziehende Mutter, nachdem meine Ehe in die Brüche ging. Schulden aus der Ehe blieben an mir hängen, Unterhaltszahlungen bekam ich keine. Ich fing wieder an, Vollzeit zu arbeiten, da wir ja von irgendetwas leben mussten. Ich nahm den nächstbesten Job an, den ich finden konnte, um uns über Wasser zu halten, in der Zeitarbeit, hoffend, bald eine Festanstellung zu finden. Diese Hoffnung sollte nie erfüllt werden.

Und so war ich trotz Vollzeitjob nicht nur arm, sondern auch verschuldet. Es dauerte nicht lange, da war es mir unmöglich, von meinem Gehalt die Raten für den Kredit zu zahlen. Eine Absenkung der Raten verweigerte meine Bank, und so kam es schließlich, dass ich irgendwann den Forderungen nicht mehr nachkommen konnte, und einen „Offenbarungseid“, also eine eidesstattliche Versicherung, abgeben musste. Das hatte dann zur Folge, dass sämtliches Einkommen, das unser Existenzminimum überschritt, gepfändet wurde.

Zunächst ging es irgendwie. Für das nötigste reichte es. Aber wie es eben so passiert, alltägliche Gebrauchsgegenstände gehen kaputt. Und wenn man kein Geld hat, sie zu ersetzen, wird es schwierig. Als mein Auto kaputt ging, ich mir weder Reparatur noch ein neues Auto leisten konnte, und ich nun mit öffentlichen Verkehrsmitteln anstatt 20 Minuten plötzlich 1 1/2 Stunden Arbeitsweg hatte, wurde es schwieriger. Ich kam morgens oft zu spät auf die Arbeit, weil ich meine Kinder vorher für die Schule fertig machen musste, also blieb ich abends länger. Oft kam ich nicht vor 20 Uhr abends nach Hause. Dann ging meine Waschmaschine kaputt. Auch hier kein Geld für Reparatur oder Neuanschaffung, und so wusch ich an den Wochenenden die Wäsche für drei Menschen mit der Hand in der Badewanne. Mehrere Monate lang. Irgendwann kroch ich dann auf dem Zahnfleisch, und so kam der Nervenzusammenbruch.

Mit dem Nervenzusammenbruch kam der Jobverlust. Nach dem Jobverlust kamen weitere Gesundheitsprobleme, psychisch und physisch. Und dann kam Hartz IV. Schulden wurden jetzt gar keine mehr abbezahlt, auch nicht durch Pfändung, denn es ging ja nicht mehr genug Geld ein, um mir etwas wegzupfänden. Dafür sorgte der Druck des Jobcenters dafür, dass ich psychisch gar nicht mehr auf die Beine kam.

Inzwischen sind meine Kinder groß und aus dem Haus, und ich habe einen neuen Partner. Als ich mit dem zusammenzog, bekam ich dann auch kein Hartz IV mehr. Es geht nun kein Beitrag mehr in die Rentenkasse ein, so dass für mich auch Altersarmut garantiert ist. Ich bin mit meinem Partner nicht verheiratet, habe also keinerlei Rechtsansprüche an ihn, aber der Staat erwartet von ihm, dass er mich ernährt, mich kleidet, mir das Dach über dem Kopf finanziert. Ich bin komplett vom Wohlwollen eines anderen Menschen abhängig. Die Schulden werde ich wohl niemals abbezahlen können.

Was macht Armut mit dir?
Zuerst kommt die Scham. Mittags mit Kollegen essen gehen? Die Ausreden, die du dir einfallen lässt, um nicht offen dazu stehen zu müssen, dass du es dir nicht leisten kannst. Irgendwann hatte ich dann mal eine Kollegin, die das mitbekam, auch weil es Tage gab, an denen ich gar nichts aß, weil einfach nicht genug Geld da war, und die den Kühlschrank im Büro füllte und meinte, „nimm dir was du brauchst“. Ich habe vor Scham und Dankbarkeit geheult.

Dann kommt das Jonglieren mit Finanzen. Du stopfst Löcher mit Löchern. Das Kind braucht neue Hosen, weil es einen Schuss in die Höhe gemacht hat, und nun alle Hosen Hochwasser haben. Woher nimmst du das Geld? Essen musst du. Miete zahlen auch. Die Telefonrechnung später zahlen? Oder doch lieber den Strom? Irgendwann fällt dann einer der „Bälle“, die du jonglierst. Dann ist dein Strom abgestellt. Dein Wecker? Tot. Der Herd? Kalt. Du machst deine Kinder bei Kerzenlicht für die Schule fertig, und sobald sie aus dem Haus sind, legst du dich heulend ins Bett, und weißt nicht mehr, wie du da noch rauskommen sollst. Und erniedrigst dich bis aufs letzte, um irgendwie an Geld zu kommen, um diese Löcher zu stopfen, hoffend, dass es keiner mitbekommt.

Soziales Leben? Deinen Freundeskreis siehst du kaum noch. Du schämst dich, weil du nur noch ausgehen kannst, wenn du eingeladen wirst, und irgendwann fühlst du dich allein. So wahnsinnig allein. Und du fragst dich, ob das dein Leben sein soll, und ob du so überhaupt noch leben möchtest.

Wenn du das Thema Armut ansprichst, stößt du oft auf Widerstand. Dir wird vorgeworfen, dass du doch selbst irgendwie daran schuld sein musst, dass du arm bist. Im Reality TV laufen Serien, die das Bild des „faulen Hartzers“ bestätigen indem sie nicht den Lebensalltag, sondern ein überzeichnetes und verzerrtes Bild vom Hartz IV Alltag liefern, und du fühlst dich genötigt, dich immer wieder zu erklären, und dir wird vorgeworfen, dich auf „den Taschen anderer auszuruhen“. Irgendwann wirst du still, und leidest leise. Du hast keine Kraft mehr, dich gegen diese Voreingenommenheit zu wehren, auch wenn es weh tut, dass Leute so von dir denken.

Was müssen wir ändern?
Alleinerziehende und Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, sowie deren Kinder, sind am häufigsten von Armut betroffen. Armut trotz Arbeit ist oft Alltag. Zeitarbeit ist Ausbeutung denn die Angst vor dem Abstieg in Hartz IV sorgt dafür, dass Menschen sich auf die ausbeuterischsten Arbeitsverträge einlassen, nur um nicht in die Arbeitslosigkeit abzurutschen. Diese Ausbeutung muss beendet werden, und Menschen müssen wieder die Chance bekommen, in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden.

Hartz IV gehört abgeschafft. Der Grundsatz „Fördern und Fordern“ funktioniert nicht, wenn die Förderung aus unsinnigen Maßnahmen besteht, in denen davon ausgegangen wird, dass Menschen in Hartz IV Bezug lediglich nicht fähig sind, mit Geld umzugehen, oder Probleme bei der Strukturierung ihres Alltags haben, und davon ausgegangen wird, dass ein Mensch der von ALG2 lebt zu dumm ist, mehr zu kochen, als eine Tiefkühlpizza.

Man muss aufhören, von „sozial schwachen“ Menschen zu sprechen, wenn man von Armut spricht. Wäre ich sozial schwach, hätte ich mich in meinem Leben nicht so oft für andere Menschen engagiert, häufig für diejenigen, denen es noch schlechter ging als mir selbst. Ich bin finanziell schwach, nicht sozial.

Ich verlange von einem so reichen Land wie unserem, auch den Armen eine gerechte Chance auf soziale Teilhabe zu ermöglichen, und zwar nicht über Gutscheine, die ja immer wieder darauf basieren, dass arme Menschen das Geld sonst für unsinnige Dinge ausgeben, sondern mit finanziellen Sozialleistungen, die angemessen sind, und arme Menschen nicht entmündigen.

Wenn wir uns das nicht leisten können, ist unser Land trotz Reichtum arm.




Meine Meinung als Mannheimerin zu Xavier Naidoo

Ich hatte eigentlich vor, nicht einmal seinen Namen zu erwähnen, weder hier, noch auf meinem Facebook Account, noch sonstwo. Aber meine Meinung wird gerade ständig angefragt, so als Mannheimerin. Meine Freunde wissen, was ich von Xavier Naidoo halte. Und kommen damit klar. Aber nun ist es soweit, dass ich immer wieder, von ganz vielen Leuten, gefragt werde, wie ich zu dem Thema, und auch zu seinem Lied „Marionetten“ stehe.

Dazu muss ich sagen, dass ich nie Xavier Naidoo Fan war. Es gab ein, zwei Lieder, die ich nett fand, und an Karaoke Abenden in Mannheim halte ich es auch aus, wenn gelegentlich irgendwer eine der schnulzigen Balladen von Naidoo singen muss. Ich bin lediglich zugezogen, und habe den Hype um die Söhne Mannheims verpasst. Wahrscheinlich habe ich zu der Zeit in den USA gewohnt, aber sicher bin ich mir nicht, ist auch egal. War halt nie meine Musik, ich habe einfach einen anderen Musikgeschmack. Ich stand also dem ganzen zu Anfang recht neutral gegenüber. Mit einer „ganz nett“ Haltung. Xavier Naidoo hat mich weder interessiert, noch gestört.

Als ich nach Mannheim zog wurde ich mit seinem Namen öfter konfrontiert. Aha, dachte ich, er fördert Musik. Popakademie. Fand ich toll. Seine Musikrichtung war zwar immer noch nicht meine, daher hatte ich auch keine Auseinandersetzung mit seinen Texten, aber engagiert schien er zu sein, was ich erstmal als positiv bewertete.

Dann kamen einige Auftritte, nicht künstlerischer Art, mit Namen, die mir von ganz anderer Bühne bekannt waren, der der Verschwörungstheoretiker. Mit denen befasste ich mich schon seit Jahren, hauptsächlich im englischsprachigen Raum. Von Chemtrail- über 911-Verschwörungen zu bizarren Reptiloiden-Fantasien, es gibt mehr Verschwörungstheorien, als man sich vorzustellen vermag. Unter den mannigfaltigen Verschwörungstheoretikern befand sich auch die Reichsbürgerbewegung. Eine Bewegung, die unser Grundgesetz nicht als Verfassung, unsere Grenzen als nicht gültig anerkennt, und unsere Politiker als nicht legitimiert, sondern als „Marionetten“ der Besatzer angesehen werden. Diese Auftritte mit und vor Reichsbürgern brachten Xavier Naidoo erst in mein näheres Blickfeld, und ich betrachtete ihn kritischer, verfolgte nicht seine Musik, sondern seine Aussagen. Und viele davon waren zumindest von Reichsbürgertum beeinflusst, und von mehr und mehr Anhängern aus der rechten Szene bejubelt.

Um die Söhne Mannheims wurde es still. Nicht so um Xavier Naidoo. Der machte langsam Schlagzeilen. Wenn auch nicht mit seiner Musik, dann doch mit seinen Auftritten bei „Bürgerbewegungen“. Die Schnittmenge von Menschen, die mich als „linksgrünversiffte Bahnhofsklatscherin, die hoffentlich auch noch vergewaltigt wird“ bezeichneten, und Fans von Xavier Naidoo war beachtenswert groß.

Nun kann man einem Künstler wahrlich nur begrenzt seine Fans vorwerfen. Mich mögen auch Menschen, die ich nicht ausstehen kann. Allerdings gibt es solche Künstler, die wirklich ganz klare Kante zeigen, in Aussagen UND in Texten, und es gibt solche, die das eben NICHT tun.

Klare Kante heißt für mich nicht, das gleiche Geschwurbel, das man auf Veranstaltungen sagt, dann in Kunstform zu singen, aber Kritikern zu sagen, es mache einen traurig, missverstanden zu werden. Es macht mich traurig, ein angebliches Missverständnis nicht aufzuklären, sondern zu deklarieren, dass das Missverständnis ihn so traurig macht. Wie traurig. Komm, Xavier, ich teile meine Packung Taschentücher mit dir.

Nein, halt! Du hast Kohle, ich nicht. Kauf deine eigenen Taschentücher. Und anstatt uns deine Emotionen mitzuteilen, fände ich eine echte Aufklärung wirklich nett. Wie meint Xavier Naidoo seine Texte denn wirklich, wenn nicht genau so, wie er auch redet?

Das war, wie immer, meine persönliche Meinung zu dem Thema.

Du fehlst mir!

Wir kannten uns erst ein paar Jahre, und doch kannten wir uns verdammt gut. Ich habe dich immer als einen offenen und wahnsinnig liebenswerten Menschen gekannt, mit dem ich mich über alles austauschen konnte, ob sozialpolitische Themen, persönliche Probleme, oder was uns im Leben Spaß macht.

Du warst immer da, egal wo jemand Hilfe brauchte, hast immer alles gegeben, was du konntest. Du warst ein unglaublich starker Mensch, auch wenn du immer schwach wirktest.

Du hast gekämpft, jahrelang. Gegen Ungerechtigkeit, gegen Hass, gegen Vorurteile. Und dafür, dass du irgendwann die Hilfe findest die du brauchst, um deine Krankheit zu besiegen. Diesen letzten Kampf hast du leider verloren. Auf jeder anderen Ebene warst du eine Gewinnerin.

Jetzt sitze ich hier, und frage mich, wie es weiter geht. Denn weitergehen wird es, irgendwie. Und so mache ich dir jetzt, heulend, weil ich dich nicht mehr an meiner Seite habe, ein letztes Versprechen:

Ich kämpfe für dich weiter. Gegen Ungerechtigkeit, gegen Hass, gegen Vorurteile. Und dafür, dass Menschen wie du die Hilfe finden, die sie brauchen, um ihre Krankheit zu besiegen. Denn Menschen wie du sind zu wichtig, zu wertvoll, um sie auf diese Weise zu verlieren.

Aussperren oder einladen?

Da sind sie nun, die pauschalisierten Aussperrungen von Geflohenen, ob im Schwimmbad oder in der Diskothek. Es wird über Kulturunterschiede diskutiert, insbesondere die Teile der Kultur, in der es um die Behandlung von Frauen in der Gesellschaft geht. Und ja, selbstverständlich gibt es kulturelle Unterschiede, je nach Herkunftsregion der Geflohenen. Aber ist Aussperrung wirklich die Lösung?

Was wissen Geflohene von unserer Kultur, wenn sie hier ankommen?
Im Gegensatz zu Touristen, mit denen sie gerne verglichen werden, sobald es um „Benehmen in fremden Kulturen“ geht, hat ein Mensch auf der Flucht vor Verfolgung und Krieg keine Zeit für eine große Reisevorbereitung. Während wir ein halbes Jahr im voraus unseren Flug buchen, uns über Reisekrankenversicherung und Reiseapotheke Gedanken machen, im Internet und Reisebüro gemütlich bei einer Tasse Kaffee unsere „Kenntnis“ über unser Reiseziel auffrischen und schon Tage vor Reiseantritt mindestens einen großen Koffer packen, hat ein Mensch auf der Flucht oft nicht einmal Zeit, das nötigste zu packen, und weiß oftmals nicht, wo seine Flucht ihn letztendlich hintreibt.

Wie sollen Geflohene unsere Kultur kennenlernen?
Im Gegensatz zu Touristen haben Geflohene kaum die Möglichkeit, selbstständig über unsere Kultur zu lernen. Wir haben ein Urlaubsbudget in dem gutes Essen, Ausgehen, Reiseandenken, Stadtführungen und mehr einkalkuliert ist. Ein Geflohener hat monatlich einen Betrag für sämtliche lebensnotwendigen Ausgaben zur Verfügung, der unter dem ALG2 Satz liegt, der aber lapidar als Taschengeld betitelt wird. Selbst für einen ALG2 Empfänger ist die Teilnahme am kulturellen Leben kaum noch möglich. Wie also dann für einen Geflüchteten, der noch weniger zur Verfügung hat?

Können wir Menschen die neu in unserem Land sind unsere Kultur beibringen?
Dazu sollte man zunächst die Frage stellen, wie unsere Kultur, insbesondere die Behandlung von Frauen in der Gesellschaft, überhaupt aussieht. Da ist der nette Wunschtraum, dass Frauen und Mädchen in unseren Schwimmbädern und Diskotheken niemals sexuell belästigt werden. Wie schön, wenn das tatsächlich Bestandteil unserer Kultur wäre. Und wie traurig, dass es nicht tatsächlich so ist. Gehen wir aber mal davon aus, dass wir genau das wollen: Ein Ende der sexuellen Belästigungen von Frauen und Mädchen, ob im Bikini im Schwimmbad oder im Minirock in der Diskothek. Und dann am liebsten auch ohne Sprüche wie „Wenn die aber auch einen so tiefen Ausschnitt trägt, braucht sie sich doch nicht wundern.“ Vielleicht ist das jetzt die Gelegenheit, auch mal den schon länger hier lebenden (und auch hier geborenen) Mitmenschen männlichen Geschlechts beizubringen, dass Frauen, egal wie sie sich anziehen, kein Freiwild sind. Ich glaube fest daran, dass Menschen lernfähig sind, egal aus welchem Kulturkreis sie kommen mögen, aber man muss gewillt sein, sie zu unterrichten.

Ich sperre nicht aus, ich lade ein.
Ich habe seit einigen Monaten oft Besuch von einem jungen Mann aus einem Kulturkreis, in dem weibliche Genitalverstümmelung Standard ist. Ein Kulturkreis, in dem über 50% der Menschen weder lesen noch schreiben können, und in dem elektrischer Strom und fließendes Wasser als Luxus gelten. Wir reden viel, besonders über die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft, und in seiner. Diese Gespräche können anstrengend sein. Aber sie sind auch ungemein bereichernd, nicht nur für den jungen Mann, der mich inzwischen Mama nennt und mit einer Hochachtung behandelt, die ich hier selten von Menschen in seinem Alter erlebt habe. Es hat eine Weile gedauert, bis er verstanden hat, dass mein Wort genauso viel Wert hat wie das meines Lebensgefährten, und dass man bei uns Frauen nicht umwirbt, indem man ihnen Unmengen an Lebensmitteln kauft. Und er hat verstanden, dass die Kleidung einer Frau, egal wie viel oder wenig sie bedeckt, nie ein Freifahrtschein ist, diese Frau sexuell zu nötigen. Ich hoffe, er wird einmal ein Vorbild für viele der hier einheimischen Männer.

Entschuldigt bitte!

Wer muss sich eigentlich wann für was entschuldigen? Ich blicke da nicht mehr ganz durch.

Wenn weiße deutsche Männer Flüchtlingsunterkünfte anzünden und auf offener Straße Flüchtlinge krankenhausreif schlagen, erwartet niemand, dass sich alle weißen deutschen Männer öffentlich entschuldigen. Würde es jemand erwarten, wäre der Aufschrei groß. „Nicht alle weißen deutschen Männer…“ wäre wahrscheinlich einer der ersten Sätze, die ich mir anhören müsste, wenn ich eine solche Kollektiventschuldigung fordern würde. Gibt es irgendwo auch eine Kollektiventschuldigung für die NSU Morde? Fühlt sich da irgendwer aus der rechten Szene eventuell doch ein klein bisschen mitverantwortlich? Nein? Dachte ich mir schon.

Ich halte nicht viel von Kollektiventschuldigungen. Oder von Sippenhaft. Warum soll ein Mensch sich für etwas entschuldigen, für das er keine Verantwortung trägt? Ich kann mich maximal für jemanden fremdschämen, aber das war es dann auch schon.

Und doch, auch nach den Anschlägen von Paris wurde von einer Bevölkerungsgruppe sofort eine Kollektiventschuldigung verlangt. Und sie wurde geliefert. Muslime auf der ganzen Welt verurteilten die Tat, aber das wollte der rechte Mob, der sich weder für die angezündeten Flüchtlingsheime noch für die NSU Morde je entschuldigen würde, nicht wirklich hören.

Und nun haben wir Köln.

Nun muss ich mich als Feministin dafür entschuldigen, dass ich nicht vor einen extrem rechtslastigen Karren gespannt werden möchte.

Mein ganzes Mitgefühl gilt den Frauen, die in Köln und anderswo, ob in der Silvesternacht oder zu einem anderen Zeitpunkt, Opfer sexueller Gewalt wurden, und wir müssen alle hart daran arbeiten, dass sexuelle Gewalt, egal wo, egal in welcher Ausprägung, ein Ende hat. Doch das schaffen wir nicht, indem wir ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv bestrafen.

Ich schäme mich dafür, dass Menschen, die diese Taten genauso verurteilen wie wir, sich nun genötigt sehen, Entschuldigungsschreiben zu verfassen für Dinge, die sie nie begangen haben. Und trotzdem noch Angst um ihr Leben haben müssen.

Wer sich wirklich entschuldigen sollte sind alle, die den Alltagssexismus in einer patriarchalischen Gesellschaft immer noch vehement leugnen und lieber mit dem Finger auf andere zeigen.

Danke fürs Gespräch

Na gut. Ich glaube, ich muss endlich mal akzeptieren, dass es bei uns, wie immer, mal wieder nicht um Frauenrechte geht, sondern um die Integration von Geflohenen, denn darauf läuft doch am Ende gerade jede Debatte hinaus.

Also gut, reden wir über Integration. Ihr wollt, dass Geflohene sich integrieren? Warum tut ihr dann nichts dafür? Glaubt ihr, es ist der Integration zuträglich, wenn man Menschen die sich nicht kennen, nur weil sie aus dem gleichen Kulturkreis kommen auf engstem Raum zusammen einpfercht, sie notdürftig versorgt, und ansonsten versucht, sie von sich abzuschotten? Das ist, als ob man ins Ausland in einen europäisch geführten All Inclusive Club fährt, und glaubt, so fremde Kultur kennenlernen zu können.

Es gibt wahnsinnig viele Ehrenamtliche, die sich ständig bemühen und abrackern, um genau diese Lücke zu überbrücken. Die nicht nur die notwendige Versorgung bereitstellen, sondern auch kulturell mit den Geflohenen zusammenarbeiten, um die Integration dieser traumatisierten Menschen in unsere Gesellschaft einfacher zu gestalten. Vom einfachen gemeinsamen Kaffeetrinken bis zu ganz persönlicher Betreuung ist da wirklich alles dabei, und wird auch dankbar angenommen.

Warum wird also jetzt genau auf denen herumgehackt, die sich so intensiv darum bemühen, dass Integration passiert, anstatt sie zu unterstützen? Klar kann Intergration nicht funktionieren, wenn man sie von Anfang an nicht will, sondern sich lieber abschottet. Da hilft es dann auch nicht, die hässlichen Aspekte unserer Gesellschaft unter den Tisch zu kehren, außer wenn sich Geflohene daran beteiligen.

Und hoffentlich dürfen wir, wenn diese Debatte endlich ausgestanden ist, auch mal ganz vorurteilsfrei über die Behandlung von Frauen in unserer Gesellschaft sprechen. Das wäre doch mal nett.

Diesen Beitrag habe ich ursprünglich am 8. Januar 2016 auf Facebook gepostet.